Beckenboden und Sexualität ein Zusammenspiel aus Spannung & Entspannung
Beckenboden und Sexualität – ein Zusammenspiel aus Spannung und Entspannung
Was hat der Beckenboden eigentlich mit Sexualität zu tun? Und warum ist es so wichtig, dass Anspannung und Entspannung gut zusammenspielen? Der Beckenboden ist weit mehr als eine Muskelgruppe, die unsere Blase und den Darm unterstützt. Er spielt auch bei sexueller Erregung, Lust und Orgasmus eine wichtige Rolle.
Der Beckenboden und sexuelle Erregung!
Vor allem die oberflächlichen Muskelschichten des Beckenbodens liegen rund um den Vaginaleingang und die Klitoris. Während sexueller Erregung verändert sich die Durchblutung im gesamten Genitalbereich. Die Schwellkörper füllen sich mit Blut und das Gewebe kann anschwellen. Auch die Beckenbodenmuskulatur reagiert auf sexuelle Erregung. Während des Orgasmus kommt es zu rhythmischen Kontraktionen der Beckenbodenmuskulatur. Dabei geht es nicht darum, den Beckenboden möglichst stark anzuspannen. Für eine angenehme Sexualität braucht es vielmehr die Fähigkeit, zwischen Spannung und Entspannung zu wechseln.
Die Klitoris – viel größer, als man denkt:
Wenn von der Klitoris gesprochen wird, denken viele zunächst nur an den kleinen sichtbaren Teil an der Vorderseite des Vaginaleingangs. Tatsächlich ist die Klitoris jedoch eine deutlich größere Struktur. Sichtbar ist vor allem die Klitoriseichel, die von der Klitorisvorhaut geschützt wird. Von dort ziehen sich die inneren Strukturen weit in das Gewebe des Genitalbereichs hinein.
Zur Klitoris gehören unter anderem:
• die Klitoriseichel als sichtbarer Anteil
• der Klitoriskörper, der die Eichel mit den tiefer liegenden Strukturen verbindet
• die beiden Klitorisschenkel, die als Schwellkörper entlang der Sitzbeinäste verlaufen
• die Vorhofschwellkörper, die seitlich des Vaginaleingangs liegen.
Bei sexueller Erregung füllen sich diese Schwellkörper mit Blut. Die Klitoris kann dadurch anschwellen und sich vergrößern. Die Klitoris spielt die zentrale Rolle für sexuelle Lust und den Orgasmus. Dabei ist wichtig: Ein Orgasmus muss nicht durch Penetration entstehen. Für die meisten Menschen ist die Stimulation der Klitoris der entscheidende Reiz.
Was passiert im Vaginalbereich?
Auch der Vaginalbereich verändert sich während der sexuellen Erregung. Die Schleimhaut wird stärker durchblutet und es kommt zur natürlichen Lubrikation, also zur Feuchtigkeit im Vaginalbereich. Der Vaginalkanal selbst ist allerdings nicht überall gleich empfindlich. Ein großer Teil der sensiblen Wahrnehmung konzentriert sich auf den Bereich des Vaginaleingangs und das umliegende Gewebe. Deshalb ist Penetration allein für die meisten Menschen nicht ausreichend, um einen Orgasmus zu erleben. Die individuelle Wahrnehmung und die bevorzugte Art der Stimulation sind sehr unterschiedlich.
Was braucht es für eine lustvolle Sexualität?
Sexualität ist ein Zusammenspiel aus Körper, Nervensystem, Gedanken und Emotionen. Für eine angenehme und lustvolle Sexualität können verschiedene Faktoren eine Rolle spielen:
• Beweglichkeit im Becken und im gesamten Körper
• eine ruhige und tiefe Atmung
• rhythmische Bewegungen
• eine gute Durchblutung
• die Fähigkeit, den Beckenboden anzuspannen und wieder loszulassen
• sexuelle Erregung und Lust
• mentale Entspannung
• Vertrauen und Intimität
• ein positives und selbstbestimmtes Verhältnis zur eigenen Sexualität
• Eine vertrauensvolle Kommunikation
Gerade die Atmung ist interessant: Während der sexuellen Erregung verändert sich automatisch die Atmung. Sie kann schneller und tiefer werden. Gleichzeitig kann eine bewusste, ruhige Atmung dabei helfen, Spannung wahrzunehmen und loszulassen.
Warum Entspannung genauso wichtig ist wie Anspannung:
Ein Beckenboden, der ständig angespannt ist, kann Probleme verursachen. Ist die Muskulatur zu fest, kann es beispielsweise schwerer fallen, etwas in die Vagina einzuführen oder Penetration als angenehm zu empfinden. Auch Schmerzen beim Geschlechtsverkehr können mit einer erhöhten Spannung der Beckenbodenmuskulatur zusammenhängen. Aber auch ein Beckenboden braucht Aktivität und Spannung. Während sexueller Erregung verändert sich die Muskelaktivität, und beim Orgasmus kommt es zu rhythmischen Kontraktionen. Das Ziel ist deshalb nicht ein möglichst kräftiger oder möglichst entspannter Beckenboden. Entscheidend ist die Fähigkeit, zwischen Anspannung und Entspannung wechseln zu können.
Wie entsteht sexuelle Erregung?
Sexuelle Erregung beginnt nicht im Beckenboden – sie beginnt vor allem im Gehirn. Reize können über verschiedene Sinne aufgenommen werden: durch Berührung, Geruch, Stimme, Worte, Bilder, Küsse oder andere sexuelle Interaktionen. Auch Gedanken, Fantasien und Erinnerungen können sexuelle Erregung auslösen. Das Gehirn bewertet diese Reize und steuert anschließend zahlreiche körperliche Reaktionen. Die Durchblutung nimmt zu, Schwellkörper füllen sich, die Atmung verändert sich und auch die Beckenbodenmuskulatur reagiert. Sexualität ist deshalb niemals ausschließlich eine Frage der Muskulatur.
Schmerzen beim Sex sind nicht normal!
Schmerzen bei sexuellen Aktivitäten oder bei Penetration sollten nicht einfach hingenommen werden. Sie können unterschiedliche Ursachen haben – beispielsweise eine erhöhte Spannung der Beckenbodenmuskulatur, hormonelle Veränderungen, Schleimhautveränderungen, Endometriose oder andere gynäkologische Erkrankungen. Wenn Schmerzen auftreten, ist es sinnvoll, die Ursache abklären zu lassen. Mögliche Ansprechpartnerinnen sind gynäkologische
Praxen, spezialisierte Physiotherapeut*innen und qualifizierte Sexualberater*innen. Je nach Ursache kann eine Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche sinnvoll sein.
Und was ist mit dem Orgasmus?
Ein Orgasmus ist keine Leistung, die erreicht werden muss. Menschen erleben Sexualität sehr unterschiedlich – und auch die Art, wie ein Orgasmus entsteht, ist individuell. Studien zeigen, dass die meisten Menschen mit Vulva bei Penetration allein nicht zuverlässig zum Orgasmus kommen. Für viele ist die zusätzliche Stimulation der Klitoris entscheidend. Das bedeutet auch: Penetration ist nicht der Maßstab für „guten“ Sex. Lust, Nähe, Erregung und sexuelle Befriedigung können auf ganz unterschiedliche Weise entstehen.
Der Beckenboden als Teil eines größeren
Ganzen! Eine gesunde und lustvolle Sexualität braucht deshalb nicht den „perfekten“ Beckenboden. Viel wichtiger ist, den eigenen Körper wahrzunehmen: Kann ich anspannen? Kann ich loslassen? Kann ich meine Atmung wahrnehmen? Kann ich mich bewegen? Kann ich mich entspannen und Erregung zulassen? Der Beckenboden ist dabei nur ein Teil des gesamten Systems. Denn Sexualität entsteht aus dem Zusammenspiel von Körper, Gehirn, Nervensystem, Bewegung, Berührung, Emotionen und Beziehung. Und genau deshalb kann es so hilfreich sein, den eigenen Beckenboden nicht nur als „Muskulatur, die man trainieren muss“ zu betrachten, sondern als einen Körperbereich, den man spüren, bewegen, anspannen und vor allem auch wieder entspannen lernen kann.

Über Gudrun Schäfer
Als erfahrene Physiotherapeutin und Beckenbodenspezialistin liegt mein Fokus auf der ganzheitlichen Gesundheit von Körper und Seele. Mit Zusatzqualifikationen als Fachtherapeutin für sexuelle Gesundheit, Physio-Pelvica-Therapeutin, Manualtherapeutin (sek. HP-Physiotherapie) und Bobath-Therapeutin begleite ich Menschen jeden Alters auf ihrem Weg zu mehr Wohlbefinden und Lebensqualität. Mein Ziel ist es, jede Behandlung individuell auf die Bedürfnisse meiner Patient:innen abzustimmen, Fachwissen mit Empathie zu verbinden und dabei einen sicheren Raum für körperliche und sexuelle Gesundheit zu schaffen.
Auf Instagram findest du mich unter @beckenboden.gudrun.schaefer
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